Das Duell in der Zwangsjacke

Sieht so der „Höhepunkt“ des Wahlkampfes aus?

Vier Moderatoren – politisch korrekt im Proporz von Geschlecht und Sender: ARD, ZDF und zwei Privatensender-, agierten 95 Minuten im Würgegriff aus Absprachen und Auflagen im Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Die Bundeskanzlerin hatte sich nur zu einem Auftritt bereit erklärt und deshalb blieb keine Zeit für Nachfragen, Präzisierungen und Vertiefungen der Themen, keine Freiheit zu spontanen Reaktionen, nichts wagen, sondern durchziehen. Weniger wäre mehr gewesen. Wahrscheinlich war die Frage nach dem Kirchgang der Kontrahenten auch noch abgesprochen. Etliche Themen wurden nicht einmal gestreift, z.B. das Thema Gesundheitsreform, für das die
SPD genaue Vorstellungen vorgelegt hat: die Bürgerversicherung, die alle Versicherten gleich stellen würde.

Kein Zugewinn an Einsichten, verlässliches Wissen, keine Aufklärung z.B. über die Zukunft Europas und die Rüstung, über das Leben in zehn Jahren, für die Sicherung der Demokratie.

Angela Merkel blieb bei ihren Standardaussagen, die wir kennen. Sie sind vielen vertraut, viele kennen ihre Sprache, Mimik und Gestik. Kein Wunder, dass eine
breite Öffentlichkeit sie für die Siegerin hält, man brauchte nichts Neues zu lernen, auch weil es nichts Neues gab. Wir haben uns mit Martin Schulz und seinen Ideen auseinandergesetzt und hätten uns gefreut, wenn wir Angela Merkels Reaktion kennen-gelernt hätten.

Wen aber wollten die Damen und Herren, die dieses Duell vorbereitet haben, an die Kandare
nehmen?

Sie alle kennen Angela Merkel und Martin Schulz und müssten wissen, dass beide nicht dazu neigen ausfällig zu werden oder bösartig. Die Absprachen haben sie unnötiger Weise in eine missliche Lage gebracht und dem Duell Lebendigkeit und Originalität genommen.

Wir müssen annehmen, dass die Moderatoren gezügelt werden sollten.
Ein Seufzer der Erleichterung, als das Ende der Sendung mit dem Schlusswort von Schulz und
Merkel angekündigt wurde!
So kann Politik nicht attraktiv sein, so wird politische Auseinandersetzung nicht lebendig gezeigt, und junge Menschen werden nicht davon überzeugt, dass eine funktionierende Demokratie Voraussetzung für ein gelingendes Leben ist.

Dass es auch anders geht, haben in den letzten Tagen einige Fernsehrunden mit den kleineren Parteien bewiesen, mit weniger Aufwand und viel Lebendigkeit.

Auch die Podiumsdiskussion in der Auferstehungskirche mit sechs Kandidaten und Kandidatinnen des Wahlkreises 61 unter der Leitung von Casdorff, Chefredakteur des Tagesspiegel, litt unter der straffen Führung des Moderators. Keine Zwischenfragen der Kandidatinnen, kein direkter Dialog zwischen den Befragten. Schade.